Lehrlingspakt: Politik und Sozialpartner ziehen positive Bilanz

Wirtschaft -Die Anzahl der Lehrverträge hat 2017 wieder zugenommen – diese und andere Ergebnisse des Lehrlingspaktes waren Inhalt einer Pressekonferenz.

LR Achammer: "Dies ist nur eine Etappenziel - die Attraktvität der dualen Ausbildung muss weiter ausgebaut werden." Foto: LPA/I.DejacoHeute Vormittag (7. Juni) wurde in einem der Ausbildungsbetriebe, einer Bäckerei in Nals, eine abschließende Bilanz des sogenannten Lehrlingspaktes gezogen, der vor drei Jahren seinen Start hatte. Dieser war vom Land Südtirol, der Wirtschaft und Arbeitnehmervertreter 2015 mit dem Ziel ins Leben gerufen worden, die duale Ausbildung in Südtirol zu stärken.
Drei Jahre ist an der Umsetzung der Maßnahmen gearbeitet worden. Die Ergebnisse wurden heute Morgen (7. Juni) vorgestellt. "Die duale Ausbildung ist ein Erfolgsrezept – daher war es mir wichtig, dass ihre Attraktivität weiter ausgebaut wird", betonte Bildungslandesrat Philipp Achammer, der den Lehrlingspakt lanciert und vorangetrieben hatte. "Dies ist jedenfalls nur ein formeller Abschluss, ein Etappenziel, denn die Maßnahmen laufen weiter", betonte der Landesrat. Von der dualen Berufsausbildung würden junge Menschen und die Wirtschaft gleichermaßen profitieren. Für die Unternehmen seien Lehrlinge wichtig, um den Fachkräfte-Nachwuchs zu sichern. "Während noch vor fünf Jahren die Jugendarbeitslosigkeit ein Thema war, sprechen wir heute vor allem über Fachkräftemangel", sagte Achammer. Parallel sei aber die Anzahl der abgeschlossenen Lehrverträge wieder gestiegen, weil das Bewusstsein über ihre Wertigkeit gewachsen sei.
Vor allem sei dem Bildungslanderat die duale Bildung wichtig, weil sie jungen Menschen, die eher über praktische Talente verfügen, nach der Mittelschule eine hochwertige Berufsausbildung mit Zukunft biete. Dass sich ein Geselle heute sogar dazu entscheiden kann, noch die Matura zu nachzuholen und eventuell ein Studium zu absolvieren, folge dem Schweizer Prinzip, dass es „keinen Abschluss ohne Anschluss“ geben darf.

Entlastung der Ausbildungsbetriebe

Ein Augenmerk legten die am Lehrlingspakt beteiligten Partner auf die Entlastung der Lehrbetriebe, um ihre Leistung als Ausbildungsbetriebe zu honorieren. So können diese Bonuspunkte bei bei Wettbewerben für die Bezuschussung von Investitionen oder bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen erhalten, sofern die ausschreibende Behörde es vorsieht. Weiters ist die für die Mitarbeiter verpflichtende Grundausbildung in Arbeitssicherheit, die für die Betriebe eine Belastung darstellt, in den Unterricht der Berufsschule integriert. Auch können Arbeitgeber und Ausbilder von Lehrlingen kostenlos Beratung durch erfahrene Experten in Anspruch nehmen. Nicht zuletzt hat kürzlich die Landesregierung beschlossen, den Unternehmen eine Prämie nach Abschluss eines jeden Lehrvertrags auszuzahlen; die Landesabteilung Wirtschaft arbeitet zurzeit an deN Kriterien für die Umsetzung dieser Fördermaßnahme. Und schließlich erhalten die Unternehmen die Plakette „Wir bilden Lehrlinge aus“, um ihr Engagement auch in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen.

Wertigkeit der Lehrlingsausbildung wurde angehoben

Innovative Berufsfelder wie jenes des Fachinformatikers wurden gesucht und eingeführt – diese Lehre ist ab im Juli 2018 möglich. Dem Lehrlingspakt ist auch eine Lehrlingsmappe zu verdanken: Darin halten die Auszubildenden ihre Lernfortschritte im Betrieb fest und besprechen diese dann mit dem Ausbilder und den Berufsschullehrern. Dies steigert die Qualität der Ausbildung ebenso wie ihren subjektiven Wert. So wie es bei den Maturanten seit Jahren Tradition ist, sind im Jänner 2018 auch die besten Absolventen einer Berufsausbildung zum ersten Mal feierlich ausgezeichnet worden. Zudem sind die Absolventen einer 4-jährigen Lehre seit dem Schuljahr 2017/18 erstmals direkt zum fünften Jahr an der Berufsschule zugelassen. In einem Monat werden die ersten fünf Gesellen nach einem Jahr Berufsschule in Vollzeit zur Matura antreten. Als Erfolg ist auch die Aktion "Hole deinen Lehrabschluss nach!" anzusehen, mit der rund hundert Südtiroler ihren Berufsschulabschluss im zweiten Anlauf bestanden, nachdem einige diesen gar nicht mehr im Visier hatten.

Die Zahl der Lehrverträge hat ihr Soll erreicht

Im Jahr 2015 war die Anzahl der Lehrverträge von 3539 (2014) um 55 gesunken. Ziel des Lehrlingspaktes war es, diese Entwicklung umzukehren und die Anzahl wieder etwa auf das Niveau von 2014 zu bringen. Auch dieses Ziel haben die verschiedenen Maßnahmen begünstigt, vor allem ist dies allerdings auf die derzeitig gute Wirtschaftslage zurückzuführen. Im Jahr 2017 sind 3.534 Lehrverträge abgeschlossen worden. Zuwächse sind gegenüber den Vorjahren besonders im Gastgewerbe und in der Bauindustrie zu verzeichnen. Mit Abstand am meisten Lehrlinge werden trotzdem nach wie vor im Handwerk ausgebildet.
2017 gab es 70 männliche Lehrlinge mehr als 2014. "Ein positives Signal ist, dass es bei den minderjährigen Lehrlingen 2017 einen Zuwachs gab. Die Betriebe sind also trotz der Auflagen bei den Jugendschutzbestimmungen vermehrt bereit, die Jüngsten über die Lehre zu Fachkräften auszubilden", sagte die Direktorin des Landesamtes für Lehrlingswesen und Meisterausbildung, Cäcilia Baumgartner, die bei der Pressekonferenz die Zahlen präsentierte.
Rückläufig ist hingegen weiterhin die Zahl der Lehrmädchen (-75 seit 2014). Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die traditionelle Lehre im Einzelhandel gegenüber der vom Staat vorgesehenen berufsspezialisierenden Lehre, die keine Ausbildung zur Fachverkäuferin darstellt, an Zuspruch verloren hat.
Alexandra Egger (ASGB) betonte als Vertreterin der Arbeitnehmer, welche hohe Priorität eine gute duale Ausbildung auch bei den Arbeitnehmerverbänden genieße. Sie wies unter anderem auf eine Tagung für betriebliche Ausbilder hin, die regelmäßig organisiert werde.

Der Standpunkt der Wirtschaft

Der Präsident des Südtiroler Wirtschaftringes, Leo Tiefenthaler, lobte das Projekt und die Förderung der Lehre als sehr wertvoll für junge Menschen ebenso wie für Unternehmen. Die duale Ausbildung wirke auch der Jugendarbeitslosigkeit entgegen. "Während diese in Südtirol nur 10 Prozent beträgt, was ein normaler Wert ist, gibt es in italienischen Provinzen ohne Lehre, beispielsweise im Trentino, über 20 Prozent junge Menschen auf Arbeitssuche", sagte Tiefenthaler. Auch sei die Ausbildung in den Betrieben qualitativ generell sehr hochwertig. Dies zeige nicht zuletzt die Weltmeisterschaft des Handwerks, bei der die Südtiroler stets Spitzenpositionen erreichten.
Der Inhaber der Bäckerei in Nals, bei dem die Pressekonferenz stattfand, Manfred Öttl, ging auf die Frage ein, warum er Lehrlinge ausbilde. "Ich muss oft an meine Lehrzeit denken. Ich wollte ursprünglich Konditor werden, fand aber keine entsprechende Lehrstelle, stattdessen eine als Bäckerlehrling. Mein Lehrmeister hat mich damals aber überall drangelassen. So habe ich Herzblut für diesen Beruf entwickelt!", erzählte der Unternehmer. Genauso praktiziere er es heute auch. "Aufgrund der vielen nützlichen Maschinen können die Lehrlinge viele Funktionen autonom durchführen." Das Problem mit Nachtarbeit habe er gelöst, indem Lehrlinge nur in der Tagschicht tätig sind.

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