Gustav Tschenett neuer Direktor für Deutsche Berufsbildung

Im Gespräch: Mit 1. März folgt Gustav Tschenett auf Hartwig Gerstgrasser als Bereichsleiter für Deutsche Berufsbildung. Wir haben mit ihm über die Lehrlingsausbildung, die Berufsmatura und die Attraktivität der Lehre gesprochen.

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Wo werden Sie ansetzen? Welche Schwerpunkte werden Sie setzen?

Gustav Tschenett: In der Berufsbildung spielt die Lehre neben der Berufsfachschule (Vollzeitausbildung) eine wichtige Rolle. Die Schwerpunkte werden in der Ausweitung der Berufe (derzeit 13 Berufe aus dem Bereich Handwerk und Industrie) für die maturaführenden Kurse liegen.


Welche Bedeutung messen Sie der Lehrlingsausbildung in Südtirol zu?

Gustav Tschenett: Obwohl die zahlenmäßige Bedeutung der dualen Ausbildung in den letzten Jahren zurückgegangen ist, hat die Lehre Stärken, die sich mit keiner anderen Ausbildungsform vergleichen lassen: sowohl die Jugendlichen als auch die Wirtschaft profitieren davon.

"Über die Lehre wird sehr nahe am Bedarf am Arbeitsmarkt ausgebildet."

Eine freie Lehrstelle bedeutet, dass eine konkrete Nachfrage nach einem Berufsbild in einem Südtiroler Betrieb besteht: das heißt, über die Lehre wird sehr nahe am Bedarf am Arbeitsmarkt ausgebildet.
Die Lehre verbindet in besonderer Weise Ausbildung und Arbeit, es wird unter realen Bedingungen gelernt. Der Lehrling muss konkrete Probleme lösen, er lernt, mit Zeitdruck umzugehen, flexibel zu reagieren. Der Lehrbetrieb hat die Möglichkeit, seine Lehrlinge bereits während der Ausbildung in die Betriebskultur einzuführen.

"Engagierte Lehrherrn und Ausbilder erfüllen eine wichtige soziale Funktion!"

Manche Jugendlichen können ihre Potentiale viel besser beim Lernen in Betrieb entfalten als in der Schulklasse. Das sind Menschen, die motiviert sind, wenn sie etwas Konkretes tun können und unmittelbar sehen, was sie geleistet haben. Engagierte Lehrherrn und Ausbilder erfüllen eine wichtige soziale Funktion: sie begleiten junge Menschen in der fachlichen Ausbildung, aber auch in den menschlichen Entwicklung, was gerade in der Zeit der Pubertät immens wichtig ist.

"Bei uns weitaus weniger Ausbildungsabbrecher gibt als im restlichen Italien."

Die Lehre und die Berufsbildung im Allgemeinen tragen dazu bei, dass die Jugendarbeitslosen-Rate in Südtirol nur halb so hoch ist wie im benachbarten Trentino und dass es bei uns weitaus weniger Ausbildungsabbrecher gibt als im restlichen Italien. Aus all diesen Gründen werden wir von anderen Regionen um unsere traditionelle Lehre beneidet, und wir müssen gemeinsam alles tun, um diese einzigartige Ausbildungsform zu stärken.


Wie kann man die Lehre für Jugendliche und Betriebe attraktiver gestalten?

Gustav Tschenett: Es gibt eine Vielzahl an Maßnahmen, an denen die Berufsbildung und die Sozialpartner arbeiten, um die Lehre attraktiver zu gestalten. Beispielsweise absolvieren bereits jetzt alle Schüler/Schülerinnen der Berufsgrundstufen die spezifischen Arbeitssicherheitskurse für Arbeitnehmer an der Schule. Der Betrieb muss sich darum im Normalfall also nicht mehr kümmern, sobald er einen Lehrling einstellt. Zudem setzen wir uns in Rom kontinuierlich dafür ein, die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Lehre zu verbessern, z.B. wenn es darum geht, die Arbeitszeit von 15-jährigen von 35 auf 40 Wochenstunden zu erhöhen.

"Die Ausbildung der Lehrlinge so gestalten, dass die Qualität kontinuierlich steigt."

Auf der anderen Seite versuchen wir, die Ausbildung der Lehrlinge so zu gestalten, dass die Qualität kontinuierlich steigt und unsere Auszubildenden langfristig davon profitieren. Das passiert vor allem indem sich viele engagierte Lehrpersonen täglich um die Lehrlinge kümmern, aber auch durch ganz spezifische Projekte. So erarbeiten wir derzeit ein Abkommen mit Österreich zur gegenseitigen Anerkennung der Lehrabschlüsse und Meisterbriefe. Dadurch soll es für Südtiroler künftig einfacher werden, auch in Österreich qualifizierte Arbeitsplätze zu bekommen, ohne vorher ein langwieriges Verfahren zur Anerkennung des Berufsabschlusses zu durchlaufen.


Welche Möglichkeiten hat die maturaführende Lehre für Südtirols Nachwuchs eröffnet?

Gustav Tschenett: Die zu Matura führende Lehre bietet Personen, die eine vierjährige Lehre oder Fachschule abgeschlossen haben, die Möglichkeit, berufsbegleitend in zwei Jahren zur Matura zu gelangen. Voraussetzung für die Teilnahme am Lehrgang ist, dass die Interessierten ein Aufnahmeverfahren bestehen, bei dem die Kompetenzen in Deutsch, Mathematik, Englisch, Italienisch und Betriebswirtschaft überprüft werden, und dass sie, wie vom Staat vorgesehen, nicht älter als 24 sind.
Somit stehen unseren Jugendlichen nun auch über die Lehre alle Möglichkeiten offen. Sie können nun frei über ihren Bildungsweg entscheiden, ohne befürchten zu müssen, sich durch die Wahl einer Lehre Wege zu verbauen.

Die Möglichkeit schaffen, über die Lehre zur Matura zu gelangen.

Für das Pilotprojekt der zur Matura führenden Lehre, das 2017-18 an der Berufsschule für Handwerk und Industrie stattfindet, wurden 13 Berufe aus dem Bereich Handwerk und Industrie gewählt, für die die Garantie besteht, dass die entsprechenden Maturaarbeiten (in Zusammenarbeit mit Rom) erstellt werden können, und zwar Elektrotechniker, Kommunikationstechniker, Maschinenbaumechaniker, Maurer, Mechatroniker, Mediengestalter – Digital und Print, Mediengestalter – Technik, Schlosser, Schmied, Steinbildhauer, Tischler, Werkzeugmacher und Zimmerer. Für alle anderen Berufe soll in den kommenden Jahren nach und nach die Möglichkeit geschaffen werden, über die Lehre zur Matura zu gelangen.


Wo sehen Sie die Lehre in zehn Jahren?

Gustav Tschenett: Von allen Schülern der Oberstufe in Südtirol absolvierten im Schuljahr 2015/16 12 Prozent eine Lehre und 18 Prozent eine Vollzeit-Berufsausbildung. Ich wünsche mir, dass wir auch in Zukunft drei kräftige Säulen der Ausbildung haben. Ich glaube, es ist realistisch, die Lehrlingszahlen zu stabilisieren und möglichst etwas zu steigern, und es ist vor allem auch im Interesse der Südtiroler Handwerksbetriebe, junge Leute auszubilden, um die Fachkräfte für morgen zu sichern. Aus rein demografischen Gründen wird es sonst einen Fachkräftemangel geben.

"Noch viel Luft nach oben"

Bei der Qualität in der Ausbildung gibt es gute Grundlagen, aber noch viel Luft nach oben. In zehn Jahren sollte die Figur des betrieblichen Lehrlings-Ausbilders fest in den Köpfen der Südtiroler verankert sein. Das Lernen im Betrieb sollte systematischer als bisher gestaltet werden und mehr als bisher mit dem Lernen in der Berufsschule vernetzt werden. Das Projekt „Lehrlingsmappe" des lvh geht da genau in die richtige Richtung.

"Möglichst viele Lehrlinge ihre Ausbildung erfolgreich zu Ende führen lassen"

Zur Qualität in der Lehre gehört auch, dass möglichst viele Lehrlinge ihre Ausbildung erfolgreich zu Ende führen. Ca. 16% der Lehrlinge an den deutschsprachigen Berufsschulen schließen Lehre und Berufsschule erfolgreich ab, es fehlt ihnen aber die Abschlussprüfung. Die Betroffenen sind entweder gar nie zur Prüfung angetreten oder sie haben diese nicht bestanden und sind nicht mehr angetreten. In 10 Jahren soll durch geeignete Maßnahmen die Anzahl jener jungen Menschen deutlich gesteigert werden, welche die Lehrabschlussprüfung erfolgreich absolvieren. Ein Pilotprojekt zeigt, dass oft ein einziges Telefongespräch ausreicht, um einen ehemaligen Lehrling dahin zu bringen, doch noch die Prüfung abzulegen.

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