Ein System fährt gegen die Wand
Es sind Bilder, die in keiner Werkstatt entstehen sollten: meterhoch gestapelte Altreifen, zugestellte Lagerflächen, improvisierte Zwischenlösungen. Was früher ein logistischer Ablauf war, ist für viele Kfz-Betriebe in Südtirol zu einem Sicherheitsproblem geworden. Denn die Reifen werden abgeholt – nur nicht rechtzeitig.
Bei einem Treffen zwischen Vertreterinnen und Vertretern des Wirtschaftsverbands Handwerk und Dienstleister (lvh.apa) und Landeshauptmannstellvertreter Marco Galateo wurde deutlich, wie groß der Druck inzwischen ist.
Wenn ein System an seine Grenzen stößt
Die Ursache klingt technisch, die Folgen sind sehr real: Die jährlichen Sammelquoten der Entsorgungskonsortien reichen längst nicht mehr aus. Obwohl die Konsortien gesetzlich verpflichtet wären, die Reifen abzuholen, bleiben die Mengen in den Werkstätten liegen.
Für die Betriebe bedeutet das mehr als nur Platzprobleme. Reifen gelten brandschutztechnisch als hohe Brandlast. Werden sie in großen Mengen gelagert, steigen Risiko und Haftung. Sicherheitsvorschriften lassen sich vielerorts kaum noch einhalten. Gleichzeitig drohen den Werkstätten verwaltungsrechtliche Sanktionen – obwohl sie die Situation selbst nicht lösen können.
Die Werkstätten sitzen damit in einer paradoxen Lage: Sie müssen gesetzliche Vorgaben erfüllen, haben aber keinen Einfluss darauf, ob die gesetzlich vorgesehenen Entsorgungswege tatsächlich funktionieren.
Südtirol als Sonderfall
Der lvh fordert deshalb eine grundlegende Überprüfung des seit 2011 bestehenden PFU-Entsorgungssystems. Im Zentrum steht eine deutliche Erhöhung der Abholkontingente – um rund 200 Prozent, wie es von den Branchenvertretern vorgeschlagen wurde.
Denn die bisherigen Berechnungen orientieren sich vor allem an der Einwohnerzahl. Für Regionen wie Südtirol greift dieses Modell zu kurz. Hier fahren nicht nur Einheimische, sondern Millionen Touristinnen, Pendler und Transitfahrzeuge über die Straßen. Die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge wäre aus Sicht des Verbandes der realistischere Maßstab.
Die Zahlen hinter dem Problem
Jährlich fallen laut den Kfz-Werkstätten und -Konsortien weit mehr als die im Kontigent für die Region-Trentino Südtirol festgelegten 6.000 Tonnen Altreifen an. Seit 2011 seien die Mengen deutlich gestiegen. Allein um kurzfristig Entlastung zu schaffen, wäre laut Einschätzung von Branchenvertreter Erwin Windegger ein jährlicher Finanzierungsbedarf von rund 500.000 Euro notwendig – bei etwa 2.000 Tonnen zusätzlicher Entsorgungskapazität.
Doch selbst mehr Kontingente würden das Problem nicht automatisch lösen. Entscheidend sei auch die Frage, wie die Abholunternehmen künftig vergütet werden.
Zwischen Soforthilfe und Systemreform
Der politische Ansatz folgt deshalb zwei Linien gleichzeitig. Kurzfristig soll geprüft werden, ob finanzielle Unterstützungen möglich sind, um die angesammelten Mengen abzubauen. Parallel dazu will das Land gemeinsam mit anderen Alpenregionen wie Friaul-Julisch Venetien oder dem Aostatal Druck auf Rom ausüben, um die nationalen Kontingente anzupassen.
Diskutiert wurden zudem Übergangslösungen – etwa eine direkte Organisation der Entsorgung über lokale Unternehmen oder sogar die Gründung eines eigenen landesweiten Konsortiums.
Die eigentliche Frage dahinter reicht allerdings weiter als das Thema Reifenentsorgung. Sie lautet: Wie lange hält ein System durch, das auf Zahlen basiert, die mit der Realität nicht mehr Schritt halten?
Denn während draußen täglich neue Fahrzeuge unterwegs sind, stapeln sich drinnen die Reifen weiter.
Im Bild: Erwin Windegger, Dietmar Mock, Walter Pöhl, Marco Galateo, Hannes Mussak, Elena Lucio und Julia Genetti – Foto © lvh.apa
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