"Für eine Trennung"

Heinrich Traublinger ist ehrenpräsident der HWK für München und Oberbayern sowie des Bayerischen Handwerkstages. Er erklärt, wieso eine eigene Vertretung in der Politik für das Handwerk besonders wichtig ist.Heinrich Traublinger800

Wie kann man die Interessen des Handwerks in der Politik vertreten?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, Handwerkspolitik zu betreiben. Eine davon ist die Lobbyarbeit – und die macht das Handwerk in Südtirol hervorragend. Das Handwerk ist ein bedeutender Wirtschaftsbereich, der Arbeitsplätze sichert und der die Ausbildung garantiert. Als solcher ist er unverzichtbar. Entsprechend der jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen gibt es auch die Möglichkeiten der Interessensvertretung innerhalb der Parteien und Parlamente. Ich war selbst lange Mandatsträger und kann aus eigener Erfahrung sprechen. Die Wirkung ist unmittelbar, wenn die Interessen direkt an die Entscheidungsträger herangetragen werden. Egal ob Lobbyschiene oder unmittelbares Einwirken, die Politik ist immer auf starke Argumente angewiesen. Eine der Hauptaufgaben einer Handwerksorganisation besteht darin, immer die Konsequenzen aufzuzeigen, wenn die Politik Schritte vornimmt, die ungünstig oder sogar schädlich fürs Handwerk sind.

Warum braucht es differenzierte Sichtweisen von Politik und Verwaltung gegenüber dem Handwerk?

Auch bei uns in Deutschland haben wir immer dafür gekämpft, das gegliederte Kammersystem beizubehalten. Wir haben eine klare Trennung von Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern. Das Handwerk ist nicht allein durch seine Größe zu bestimmen. In Deutschland ist in einer Nomenklatur festgelegt, was alles zum Handwerk zählt. Wir sind für eine Trennung. Nicht weil wir glauben, uns nicht stark vertreten zu können, sondern weil wir in vielen Bereichen zu unterschiedliche Interessen und Problemstellungen haben. In Großunternehmen ist die Relation Umsatz, Wertschöpfung und Arbeitsplätze ganz anders gelagert als im personalintensiven Handwerk.. Im Handwerk steht immer noch, trotz modernster Technik, die manuelle Tätigkeit im Vordergrund. Wir sind deshalb mehr als andere abhängig von einer Gesetzgebung, die den Arbeitsplatz nicht zu sehr belastet. Ob das nun Sozialabgaben sind oder überbordende Bürokratie .Das Handwerk ist stark und selbstbewusst genug, sich mit einer guten Interessenvertretung selbst zu vertreten. Wir brauchen aber in der Regierung einen Ansprechpartner, der das Gefühl und das Herz für das Handwerk hat und diesen Wirtschaftsbereich auch versteht.
Wir haben sicherlich eine Reihe gemeinsamer Interessen mit der Industrie, aber auch viele, die abweichen. Es ist deshalb sehr wichtig, dass wir gegenüber der Regierung einen separaten Ansprechpartner haben. Dieser sollte nur unseren Wirtschaftsbereich betreuen, weil er sich dann mit hundert Prozent damit identifizieren kann – und nicht nur zur Hälfte.
Diese Modell haben wir auch in Bayern.Unter dem Dach des bayerischen Wirtschaftsministeriums haben Handwerk und Mittelstand in eigenen Abteilungen ihre speziellen Ansprechpartner.

Das Handwerk ist in Südtirol gleich prägend für den räumlichen Raum wie in Deutschland. Wie kann es gelingen, die entsprechende Wertschätzung für die Leistungen des Handwerks zu erhalten?

Das Thema der Wertschätzung ist in einem Atemzug mit Sozialprestige zu nennen. Es ist ein sehr schwieriges Unterfangen. In Deutschland kämpfen wir mithilfe einer Imagekampagne um mehr Anerkennung , wobei die Leistungen des Handwerks durchwegs anerkannt sind. Wir wollen aber deutlich machen, welche Wertschöpfung die Gesellschaft aus dem Handwerk zieht. Wir erbringen eine unglaubliche Ausbildungsleistung und stellen sichere Arbeitsplätze, die nicht plötzlich in Frage stehen, wenn es mal kriselt. Wir bauen zwischenmenschliche Beziehungen zu unseren Mitarbeitern auf. Das alles zählt im Mittelstand und im Handwerk in besonderer Weise. Die Kampagne ist auch an die Eltern gerichtet. Wir wollen sagen: Es ist sinnvoll, im Handwerk einen Beruf zu erlernen. Ein Handwerksabschluss ist keine Sackgasse sondern berechtigt zu weiteren Bildungsschritten. Der Handwerksmeister ist gleichgesetzt mit dem Bachelor und berechtigt in Bayern zum allgemeinen Hochschulstudium. In diesem Sinne wird Handwerk sehr wohl in der Politik wertgeschätzt. Es muss sich aber auch selbst wertschätzen und darf sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.
Wertschätzung und Sozialprestige sind Themen, die für das Handwerk europaweit gelten. Hier darf ich auch ein Kompliment an das Südtiroler Handwerk richten: Ein Vorzeigebeispiel
ist der Auftritt des Südtiroler Handwerks jährlich auf der Internationalen Handwerksmesse in München. Hier wird gezeigt, was man mit guter Ausbildung leisten kann.

Kann sich das Handwerk behaupten, wenn es einen gemeinsamen Ansprechpartner mit der Industrie hat? Sind die Unterschiede der Sektoren zu groß oder könnten sogar Synergien genutzt werden?

Ich weiß nicht, wo diese Synergien liegen sollen, wenn die Leistung die gleiche bleiben soll. Aus meiner Sicht ist eine wesentlich effektivere Betreuung eines Wirtschaftsbereichs durch einen eigenen Ansprechpartner möglich. Unter einem Ministerium für Wirtschaft (Landesrat )ist alles unter einem Dach. Unterhalb dieses Daches ist die Teilung in einzelne Sektoren ein Vorteil, wobei mit getrennten spezialisierten Ämtern den unterschiedlichen Belangen und Bedürfnissen Rechnung getragen wird.. Es geht nicht darum, Gegensätze aufzubauen, sondern darum, die abweichenden Interessenslagen deutlich zu machen. Das Handwerk braucht einen größenbedingten Nachteilsausgleich. Ein Großunternehmen hat es wesentlich leichter sich im Gesetzes- und Bürokratiedschungel zu behaupten als ein kleiner oder mittlerer Unternehmer. Ein Handwerksbetrieb braucht dazu eine starke Organisation und einen starken Partner in der Regierung der ihn versteht. Aus diesem Grund und meiner Erfahrung sehe ich in der Aufrechterhaltung einer bewährten Struktur den für das Handwerk besseren Weg.

 

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