"Politik für die Kleinen"

Hans Peter Wollseifer ist der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Er spricht sich klar für eine getrennte Interessensvertretung von Handwerk und Industrie aus. Wollseifer1200

Wieso ist es so schwierig, die Interessen der kleinen Betriebe in der Politik zu vertreten, obwohl diese einen Großteil der Betriebe insgesamt ausmachen?

Eine gesonderte eigenständige Vertretung des Handwerks ist wichtig und richtig, da das Handwerk eine ganz andere Struktur und ganz andere Erfordernisse als die Industrie hat. Handwerk und Industrie sind Wirtschaftspartner und nehmen beide eine zentrale Rolle in der Wertschöpfungskette wahr, allerdings haben beide dabei unterschiedliche Schwerpunkte. Der Großteil der Handwerksbetriebe ist eher klein und von der Größe überschaubar, viele Betriebe sind familiengeführt. Das bedeutet, dass häufig der Betriebsinhaber im Grunde für alles zuständig ist, während es in Industrieunternehmen einzelne spezialisierte Abteilungen für die unterschiedlichen Bereiche wie Steuern oder Arbeitsrecht gibt. Außerdem unterscheidet sich das Handwerk in seinem Selbstverständnis von anderen Wirtschaftsbereichen, es versteht sich auch als eine Gesellschaftsgruppe. Das Handwerk erbringt bedeutende gesellschaftliche Leistungen zum Beispiel bei der Integration von Flüchtlingen oder der Ausbildung. Handwerksbetriebe bilden häufig über Bedarf aus. In einer Reihe von Fällen werden die dann hochqualifizierten Fachkräfte von der Industrie abgeworben. Für Politiker mag die Vertretung der Interessen großer Industriebetriebe mehr Publizität bringen, aber das Rückgrat der Wirtschaft sind und bleiben dennoch die vielen kleinen Handwerksbetriebe.

Wie kann diese Interessensvertretung Ihrer persönlichen Erfahrung nach am besten funktionieren?

Indem wir authentisch und glaubwürdig unsere besonderen und so spezifischen Anliegen und Forderungen vorbringen, und damit der Politik die Unterschiede zu anderen Wirtschaftsbereichen verdeutlichen. Die machen eben auch andere Lösungen nötig. Es entsteht letztlich Vertrauen, eine entscheidende Komponente für konstruktive Zusammenarbeit.

Warum braucht es differenzierte Sichtweisen von Politik und Verwaltung gegenüber dem Handwerk?

Weil das Handwerk sehr viele Unterschiede zu anderen Wirtschaftsbereichen aufweist. Es ist sehr beschäftigungs- und lohnintensiv, weshalb wir ein großes Augenmerk auf alle Veränderungen bei den Sozialabgaben und arbeitsrechtlichen Regelungen haben. Sozialversicherungsabgaben schlagen im Handwerk richtig zu Buche. Handwerksbetriebe kalkulieren den Lohnanteil zwischen 70 und 80 Prozent, während dieser in der Industrie deutlich geringer liegt und etwa 15 Prozent ausmacht. Im Steuerbereich etwa würde ein höherer Spitzensteuersatz viele Handwerksbetriebe betreffen, da bei ihnen die Einkommensteuer auch die Unternehmensteuer ist. Hier bestehen gravierende Unterschiede zur Besteuerung von Industrie-Kapitalgesellschaften. Arbeitsrechtliche oder bürokratische Vorgaben treffen das Handwerk oft stärker als die Industrie, weil es keine eigenen Spezialisten oder ganze Abteilungen gibt, die sich um die Umsetzung kümmern können, sondern das häufig der Handwerksunternehmer nahezu alles selbst erledigt. Er übernimmt sehr viele Aufgaben, die weit über die praktische Arbeit hinausgehen.

Kann sich das Handwerk behaupten, wenn es einen gemeinsamen Ansprechpartner mit der Industrie hat?

Sind die Unterschiede der Sektoren zu groß oder könnten sogar Synergien genutzt werden?
Die Zusammenlegung zweier Wirtschaftsbereiche würde voraussichtlich auf Kosten des Handwerks gehen. Ungarn liefert hierfür das Beispiel: Dort sind die Handwerkskammern abgeschafft worden. Stattdessen gibt es jetzt eine vereinigte Wirtschaftskammer, die die Interessen aller Wirtschaftsbereiche vertreten soll, was aber leider nicht funktioniert. Das Handwerk wurde zu einem Referat in der Wirtschaftskammer. Die spezifischen Anliegen des Handwerks werden nicht mehr entsprechend vertreten. Es wird keine Politik mehr gemacht, die die Besonderheiten kleinerer Betriebe berücksichtigt, und das ist ein Fehler.

 

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