"Vorfahrt für KMU"

Ulrike Rabmer-Koller ist Präsidentin des Europäischen Handwerks- und KMU-Verbandes (UEAPME) sowie Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich. Im Interview erklärt sie, weshalb KMU maßgeschneiderte Rahmenbedingungen brauchen.16 Portrait Ulrike Rabmer Koller1200

Wieso ist es so schwierig, die Interessen der kleinen Betriebe in der Politik zu vertreten, obwohl diese einen Großteil der Betriebe insgesamt ausmachen?

Große Unternehmen verfügen in der Regel über eigene Ressourcen, um entsprechendes Lobbying für die Interessen des Betriebs in der Branche auf politischer Ebene zu gewährleisten. Dies ist bei Klein- und Mittelbetrieben meistens nicht der Fall. Aus diesem Grund spielen KMU-Verbände eine ganz wesentliche Rolle, da sie die Interessen der vielen KMU bündeln und als starke Stimme die gemeinsame Vertretung der KMU-Interessen gegenüber politischen Entscheidungsträgern wahrnehmen.
Die Stärke des Handwerks ist zugleich seine größte Schwäche in der Interessensvertretung: Die handwerklichen Dienstleistungen sind allgegenwärtig im Alltag jedes Konsumenten, sie sind vielfältig und nur schwer ersetzbar. Mit anderen Worten: Das Gewerbe und Handwerk ist so selbstverständlich, dass die Politik gerne das Handwerk vergisst. Dabei ist das Handwerk der Wirtschaftsmotor in den einzelnen Regionen. Handwerk schafft Arbeits- und Ausbildungsplätze dort, wo die Leute wohnen und leben. Handwerk ist der „soziale Kitt“, der verschiedenste Bevölkerungsgruppen miteinander verbindet. All das schafft das Handwerk aus seinem Verständnis für Qualität, Qualifikation und Leistung. Durch die Vielfalt der Branchen kann jedoch der politische Einfluss und die Kraft des Handwerks vielfach nicht gebündelt werden. In den Augen der Konsumenten, aber auch der Politik, ist das Handwerk in viele Einzelbereiche segmentiert. Dem gilt es auf nationaler als auch auf europäischer Ebene entgegen zu wirken. Die UEAPME als Dachverband aller europäischen Klein- und Mittelbetriebe setzt sich mit aller Kraft dafür ein, dass das Handwerk als bedeutender Wirtschaftsfaktor auch auf europäischer Ebene den hohen Stellenwert bekommt, der dem Handwerk aufgrund seiner Leistungen für die Wirtschaft und Gesellschaft gebührt.

Wie kann diese Interessensvertretung Ihrer persönlichen Erfahrung nach am besten funktionieren?

Interessensvertretung für das Handwerk benötigt vor allem drei Werkzeuge: Ein gemeinsames Sprachrohr, einheitliche Ziele und einen Ideentransfer aus der Praxis des Handwerks in die Welt der Politik.
Das gemeinsame Sprachrohr ist die UEAPME. Als deren Präsidentin vertrete ich rund 12 Millionen Betriebe aus ganz Europa. Als europäischer Arbeitgeber-Vertreter sind wir auch im Sozialen Dialog ein anerkannter Partner auf Augenhöhe. Unser Netzwerk erstreckt sich auf 67 nationale Mitgliedsverbände, die wiederum regional sehr gut aufgestellt und verankert sind. Wir können somit als starke Stimme die speziellen Anliegen des Handwerks und der KMU auf EU-Ebene vertreten. Unser gemeinsames Ziel ist es, die Rahmenbedingungen KMU-freundlicher zu gestalten. Mit dem „Small Business Act for Europe“ gibt es einen Rahmen für die KMU-Politik. Die Umsetzung im Details muss dem Leitsatz „Think Small First“ entsprechen.
KMU-Politik kann nur dann mit Leben erfüllt werden und erfolgreich sein, wenn der Transfer der Ideen und der Bedürfnisse von der Praxis in die Politik funktioniert. Daher brauchen wir Handwerker, die für ihre Branche die Forderungen formulieren und argumentieren können. Beispiele aus der Praxis sind die Türöffner für die politischen Lösungen.

Warum braucht es differenzierte Sichtweisen von Politik und Verwaltung gegenüber dem Handwerk?

Handwerk unterscheidet sich von anderen Wirtschaftszweigen wie der Industrie und dem Handel vor allem durch spezifische Werte und Bedürfnisse, die andere Rahmenbedingungen erfordern. Einem kleinstrukturierten Handwerksbetrieb können nicht die gleichen Anforderungen an Dokumentation und interner Bürokratie auferlegt werden wie einem großen Industriebetrieb. Im kleinstrukturierten
Handwerksbetrieb gibt es in der Regel nur einen, der für alle Dokumentationen und Nachweise zuständig ist, das ist der Chef. Im Industriebetrieb gibt es dafür einen speziell abgestellten Mitarbeiter oder gar eine ganze Abteilung. Im Handwerksbetrieb überwacht der Chef die Produktionsprozesse, im Industriebetrieb gibt es dazu eine eigene Struktur. Wird nicht zwischen den besonderen Rahmenbedingungen von Handwerk und Industrie unterschieden, so besteht die Gefahr, dass die Bedürfnisse der Industrie der Maßstab werden und die berechtigten Forderungen des Handwerks nur in Form von Ausnahmeregelungen berücksichtigt werden. In einem solchen Fall wäre das Handwerk nur ein schwächerer Teil der Industrie. Das ist aus guten Gründen abzulehnen.

Kann sich das Handwerk behaupten, wenn es einen gemeinsamen Ansprechpartner mit der Industrie hat? Sind die Unterschiede der Sektoren zu groß oder könnten sogar Synergien genutzt werden?

Das Handwerk ist eine eigenständige Form des Wirtschaftens. Seine Leistungen für die Politik und die Gesellschaft rechtfertigen es ganz eindeutig, dass das Handwerk einen eigenen Ansprechpartner in der Politik und in der Verwaltung hat. Das Handwerk und KMU im Allgemeinen verdienen unsere höchste Wertschätzung. Dazu gehört aus meiner Sicht auch eine eigene Ansprechperson auf politischer Ebene, welche sich mit dem Handwerk zutiefst identifizieren und somit maßgeschneiderte Lösungen für die Klein- und Mittelbetriebe schaffen kann. Dabei können durchaus auch Synergien genutzt werden. Dies gelingt aber nur dann nachhaltig, wenn das Profil der beiden Partner erhalten und eigenständig weiterentwickelt werden kann.

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