Tag des Handwerks 2015: "Keine Schutzzone, aber klare Zugangsvoraussetzungen"

Im Wettbewerb mit Multikonzernen punkten kleine Handwerksbetriebe ganz klar mit der hohen Qualität ihrer Produkte, mit ihrer vorbildhaften Flexibilität und vor allem mit ihrer Nähe zum Kunden. Aus diesen Gründen konnten die Kleinen von den Großen – auch in der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise – weder absorbiert noch verdrängt werden. Dennoch benötigen Südtirols Handwerksbetriebe bessere Rahmenbedingungen, so die zentrale Botschaft beim heutigen Tag des Handwerks.

Die Überreglementierung, der Bürokratiewahn und der Steuerdruck haben in Vergangenheit zu einer großen Verdrossenheit unter den Handwerksunternehmern geführt. Viele gesetzliche Regeln und Bestimmungen, die nicht an die Realität der Kleinbetriebe angepasst sind, bringen so manchen Handwerker an die Belastungs- und Existenzgrenze. „Die immensen Regel –und Zertifizierungsberge haben die Vertrauensebene zu unseren Kunden zerstört, dabei ist gerade die Nähe zum Kunden das, was unser Handwerk ausmacht", erklärte lvh-Präsident Gert Lanz beim heutigen Tag des Handwerks in Bozen. Ziel sei es aber nicht, eine Schutzzone für Kleinbetriebe aufzubauen oder einen Kleinkrieg gegen die Großunternehmen zu führen, sondern schlicht und einfach klare Zugangsvoraussetzungen und gleiche Rahmenbedingungen für jedes Gewerbe zu schaffen. „Nur so können sich unsere Betriebe in den lokalen Kreisläufen ohne Wettbewerbsverzerrung bewegen", so Lanz.
Gegen Kleinbetriebsregelungen sprach sich auch Heinrich Traublinger, Ehrenpräsident des Bayrischen Handwerkstages aus: „Das Handwerk kann nur glaubwürdig bleiben, wenn die Wettbewerbsnachteile kompensiert werden sprich die Kleinen dieselben Wettbewerbsvoraussetzungen wie die Großen haben." Gefordert ist daher die Politik, die Regeln an die Realität der Klein- und Mittelbetriebe anzupassen. Dies bedeutet nicht nur die Steuern- und Bürokratielast zu verringern, sondern Unterstützungsmaßnahmen anzustreben, die das Handwerk insgesamt fördern. Landeshauptmann Arno Kompatscher erwähnte in diesem Zusammenhang das neue lokale Vergabegesetz an, das in Zukunft auch Kleinbetrieben den Zugang zu öffentlichen Aufträgen erleichtern soll. Für die gesunde Entwicklung der lokalen Wirtschaft sei aber auch die konstante Aus- und Weiterbildung sowie eine gute Erreichbarkeit des Landes notwendig.
Dass es Aufgabe der Politik sei, das Handwerk als zentralen Wirtschaftspfeiler zu stärken und entsprechende Wirtschaftsnachteile auszugleichen, unterstrich auch Theo Waigel, ehemaliger Bundesfinanzminister. „99,8 Prozent der Betriebe in ganz Europa sind Kleinbetriebe, die entsprechende Rahmenbedingungen benötigen. Nur eine nachhaltige Finanzpolitik kann die Existenz der Unternehmen garantieren, das gilt für alle EU-Länder", so Waigel. Schlussendlich sind nämlich die Kleinbetriebe die wahren Riesen der Wirtschaft, die mit Kopf, Herz und Hand das Vertrauen ihrer Kunden gewinnen.

Flüchtlingsthema auch im Handwerkssektor aktuell

In einer anschließenden Diskussionsrunde lud Lothar Semper, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für München und Oberbayern, zu einer Diskussionsrunde ein, bei der unter anderem der derzeitige Flüchtlingszustrom zur Sprache kam. „Wir müssen uns der Angelegenheit stellen und wollen gezielt Lösungen anbieten", antwortete Georg Schlagbauer, der Präsident der Handwerkskammer für GesprächsrundeVon links: Bernhard Schwab, Roberto De Laurentis, Lothar Semper, Georg Schlagbauer und Gert LanzMünchen und Oberbayern auf die Frage, welche Rolle das Handwerk bei diesem Thema in Bayern einnehmen könne. Dabei ging er auch auf den Fachkräftemangel ein, der im Handwerk seit Jahren spürbar ist. „Wir haben bereits Ausbildungsmessen für Flüchtlinge organisiert und Lehrstellen zur Verfügung gestellt. Ich bin der Meinung, eine Arbeitsstelle und eine gute Ausbildung sind die besten Instrumente für eine erfolgreiche Integration dieser Menschen und das Handwerk bietet dafür großes Potenzial", so Schlagbauer. Auch Bernhard Schwab, Ministerialdirektor im Bayrischen Staatsministerium, bekräftigte die Wichtigkeit der Eingliederung von Flüchtlingen durch das Angebots von Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten und sicherte zu, dass man bis nächstes Jahr rund 20.000 zusätzliche Praktikaplätze schaffen wolle. Auch in Südtirol will man demnächst Lösungen für das auch hierzulande allgegenwärtige Thema finden und die Rolle und die Möglichkeiten des Handwerks ausloten.
Weiteres großes Thema der Diskussionsrunde war das Thema der Innovation und Digitalisierung des Handwerks. Roberto De Laurentis, Präsident des Handwerkerverbands von Trient, betonte, dass man im kleinstrukturierten Handwerk bereits jeden Tag Innovation leiste, weil man jeden Tag mit neuen Situationen konfrontiert sei und sich anpassen müsse. „Daneben gibt es aber auch neue Technologien, die in Zukunft für Handwerksberufe sicherlich von großem Interesse sein können", so De Laurentis und führte dabei den 3D-Druck als Beispiel an.

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