Neue Perspektiven für Südtirols Berufsbildung

Erster Bildungskongress Südtirols

Im Rahmen der Landesmeisterschaft der Berufe fand der erste Südtiroler Bildungskongress statt. Von Experten, Poltikern und Unternehmern analysiert wurden unter anderem die Einführung des dualen Systems auf nationaler Ebene, die Beseitigung von Ungleichgewichten auf dem Arbeitsmarkt und die notwendige Verstärkung der Attraktivität der Berufsbildung.

bildungskonferenz 1000Steigendes Studieninteresse und abnehmende Lehrlingszahlen sind zu einem globalen Problem im gesamten mitteleuropäischen Raum geworden. Dennoch gilt die Lehre als ausgereiftes Modell, das in Zeiten steigender Jugendarbeitslosigkeit als Gegenmittel eingesetzt werden kann, so das Fazit des dreitägigen Bildungskongresses in der Messe Bozen. Hochkarätige Referenten sprachen über verschiedene Formen und Aspekte der Berufsausbildung in Europa. „Der Erfolg der dualen Ausbildung in Südtirol aber auch in den anderen deutschsprachigen Ländern ist durch die ideale Kombination von theoretischem Wissen und praktischer Anwendung gegeben", erklärte Hartwig Gerstgrasser, Bereichsdirektor für Deutsche Berufsbildung. Trotz nachweisbaren Erfolgen wird dieses Berufsbildungsmodell in keiner anderen italienischen Provinz angewandt. „Das Problem ist kultureller Natur. Bevor die Lehre in dieser Form in Italien eingeführt werden kann, muss sich der Konflikt zwischen der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerwelt lösen. Erst wenn auch der italienische Unternehmer die Sensibiltät hat, einen Jugendlichen auszubilden und der Lehrling sich nicht mehr als Ausgebeuteter fühlt, werden Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erkennen, dass die Lehre eine reale Jugendgarantie darstellt", unterstrich Michele Tiraboschi, Professor an der Universität von Modena und Reggio Emilia. „Auf keinen Fall wollen wir die Lehre als Allheilmittel für die Jugendarbeitslosigkeit verkaufen, aber sie kann ein Instrument sein, den Jungendlichen Wege und Richtungen aufzuzeigen", unterstreicht lvh-Präsident Gert Lanz.

Zwei konkrete Ideen bereits umgesetzt

Obwohl das duale System italienweit nur in Südtirol existiert, gibt es einige Projekte, die dem dualen System sehr nahe kommen und in einigen italienischen Provinzen bereits durchgeführt wurden. So zum Beispiel von der Agentur Italia Lavoro, die das Projekt AMVA (Apprendistato e Mestieri a Vocazione Artigianale) ins Leben gerufen hat. Ziel der Initiative war es, interessierte Jugendliche an die Arbeitswelt vor allem aber an die Handwerksberufe heranzuführen. „In jeder italienischen Region wurden sogenannte „Botteghe di Mestiere" zu verschiedenen Berufssparten eingerichtet, für welche sich junge Menschen für ein Praktikum mit einer Dauer von sechs Monaten bewerben konnten", erklärte Annamaria Cimino von Italia Lavoro. Insgesamt sind 24.201 Bewerbungen eingegangen, aus denen 3.230 Praktikumsplätze hervorgegangen sind. 2.000 wurden effektiv abgeschlossen. „Dieses Projekt ist der eindeutige Beweis, dass die Lehre bzw. Praktika im Handwerk Einfluss auf die Beschäftigung der Jugendlichen haben und den Arbeitsmarkt positiv beeinflussen können", so Cimino.
Ein weiteres Projekt, das die Steigerung der Attraktivität von Handwerksberufen anstrebt, wurde von Stefania Multari vom nationalen Handwerkerverband Confartigianato vorgestellt. „Mit der Internetplattform www.valorizzati.it haben wir ein Tool entwickelt, das Antworten auf sämtliche Fragen zur Berufsorientierung und Berufsbildung bietet. Ähnlich wie auf der Südtiroler Traumberufseite werden nicht nur die Berufsbilder und Arbeitsmöglichkeiten im Handwerk sehr konkret beschrieben, sondern auch Lehrstellen vermittelt", berichtet Multari.

Duales System - Starkes System

Gert Lanz Präsident quer 400Dass das duale System ein erfolgreiches Modell ist, das es zu stärken und auszubauen gilt, betonte auch der Landesrat für Bildung Philipp Achammer. „Durch das neue Lehrlingsgesetz haben wir in der Berufsbildung eine bedeutende Durchlässigkeit erzielt, wodurch Interessierte zusätzliche Ausbildungs- und vor allem Umschulungsmöglichkeiten erhalten. Nun müssen wir versuchen, das Bestehende weiter zu entwickeln", unterstrich Achammer. Wie Teile des deutschsprachigen Berufsbildungsmodells in Italien durch verschiedene Pilotprojekte eingesetzt werden können und das gesamte Image der praktischen Berufe angehoben werden kann, wurde auch im Rahmen des Treffens mit den Regionalassessoren diskutiert. „Südtirol hat in dieser Thematik eine Brückenfunktion übernommen und wird auch weiterhin sein Know-how und seine Erfahrungen zur Verfügung stellen", schloss lvh-Präsident Gert Lanz den Bildungskongress heute ab.

Bitte einloggen, um diesen Artikel kommentieren zu können.

Diese Webseite verwendet eigene technische Cookies und Cookies Dritter, damit Sie effizient navigieren und die Funktionen der Webseite einwandfrei nutzen können.