"Studium war nur zweite Wahl"

"Studium war nur zweite Wahl"

 Lehrstellen als Goldschmied sind rar. Diese Erfahrung musste auch Christina Frei aus Eppan machen. Seit dem Abschluss der Mittelschule hatte sie sich erfolglos um eine Lehrstelle bemüht. Nun aber hält sie beides in Händen: Das Magisterdiplom der Rechtswissenschaft und den Meistertitel als Goldschmiedin.


"Sowohl der Besuch der Handelsoberschule als auch das anschließende Studium der Rechtswissenschaften waren nur zweite Wahl", so die 26-jährige. "Ich wollte schon immer Goldschmiedin werden und diesen Traum nicht aufgeben." Beharrlich verfolgte sie ihr Ziel, indem sie Abend- und Wochenendkurse im In- und Ausland besuchte und jede freie Minute nutzte, um bei Freunden und Bekannten in deren Werkstätten zu arbeiten.

Der Lohn aller Mühen: Im September 2010 durfte Christina Frei das Meisterdiplom als Goldschmiedin in Bozen in Empfang nehmen. Und auch ihr größter Wunsch hat sich mittlerweile erfüllt: Seit einigen Wochen arbeitet sie als Goldschmiedin in Innsbruck. Wir haben ein Interview mit der frisch gebackenen, strahlenden Goldschmiedemeisterin geführt.

Warum ist es so schwierig, eine Lehrstelle als Goldschmiedin zu finden?
Die Betriebe sind meistens sehr klein. Wenn sie jemanden ausbilden, ist es häufig der eigene Sohn oder die eigene Tochter. Ich habe sämtliche Betriebe im Umkreis von Bozen und Meran abgeklappert, aber es war schier unmöglich, eine Lehrstelle zu finden.
Außerdem ist der Goldpreis sehr hoch, die Leute kaufen weniger Schmuck, daher ist der Bedarf an Lehrlingen äußerst gering.

Was fasziniert Sie an diesem Beruf?
Ich habe schon als Kind immer mit Perlen gespielt und die kreative Arbeit mit Gold, Edelsteinen und Pelzen ist genau das, was mir liegt. Es ist wunderbar, täglich in dem Bereich zu arbeiten, was man von Herzen gerne macht.

Sie haben sich dann neben dem Studium im Goldschmiedehandwerk weitergebildet. Wie und wo war das möglich?
Freunde und Bekannte haben mich sehr unterstützt: Ich durfte in ihren Werkstätten abends und am Wochenende arbeiten, sie haben mir Kurse und Bücher empfohlen und sind mir immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Als ich mich bei der Meisterschule für Gold-und Silberschmiede in München beworben hatte, nutzten mir dann alle diese gewonnen Erfahrungen, um auf der Schule angenommen zu werden.


Hatten Sie bei dieser Doppelbelastung überhaupt noch so etwas wie Freizeit?
Es war zwar eine anstrengende Zeit, vor allem, weil sich der Besuch der Meisterschule mit meinem Studium in Innsbruck zeitlich überschnitten hatte. Während des einjährigen Meisterkurses in München bin ich vielleicht insgesamt zweimal abends ausgegangen. Aber das war für mich kein Opfer. Ich wollte unbedingt diesen wunderschönen Beruf erlernen und als Goldschmiedin arbeiten.

Haben Sie mit dem Meistertitel dann gleich eine Stelle gefunden?
Nein, nicht sofort. Ich habe ein Rechtsanwaltspraktikum begonnen, aber weiterhin nach einer Stelle als Goldschmiedin gesucht. Durch Zufall erfuhr ich von einer freien Stelle bei einem Juwelier in Innsbruck und bin aufs Geratewohl hingefahren. Seit Anfang September arbeite ich nun dort. Zwar wurde mir von vielen nahegelegt, das Rechtsanwaltspraktikum zu beenden, um mir alle Wege offen zu halten. Aber es interessierte mich nicht mehr, alle Wege offen zu halten, sondern es war mir wichtig, eine Entscheidung zu treffen. Und die habe ich getroffen und bin glücklich darüber.

Wie ist die Reaktion Ihres Umfeldes auf eine Mag. iur Christina Frei, die es bevorzugt als Goldschmiedin zu arbeiten?
Häufig sagen die Leute spontan "Du spinnst!", wenn sie davon erfahren. Ich habe festgestellt, dass es gesellschaftlich zwar akzeptiert ist, nach Abschluss einer Lehre ein Studium zu beginnen, aber der umgekehrte Weg - also nach einem Studium noch einen Handwerksberuf zu erlernen - noch immer nicht. Dabei sollte eine handwerkliche Fachausbildung genau so sehr wie ein Studium geschätzt werden, denn ein Handwerker kann konkret mit seinen Händen etwas erstellen, und das ist sehr viel wert!

Wer die Gold- und Silberschmiedearbeiten von Christina Frei mitverfolgen will, kann ihren Blog besuchen: christinepetrafrei.blogspot.com

 

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