Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Jetzt braucht es einen Kulturwandel
Plattform Land bringt aktuelle Zahlen, neue Perspektiven und konkrete Beispiele in die Herbsttagung
Gute Kinderbetreuung, passende Arbeitszeiten und wohnortnahe Pflegeangebote machen Gemeinden lebenswert und stärken die Wirtschaft. Wie sich diese Angebote weiterentwickeln lassen, diskutierte die Plattform Land bei ihrer Mitgliederversammlung am 29. Oktober. Die Erkenntnisse fließen auch in die Herbsttagung „Gute Orte entstehen gemeinsam“ am 25. November in St. Ulrich ein. Dort zeigt WIFO-Direktor Georg Lun, warum die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiger Standortfaktor für Südtirol ist.
Kinderbetreuung: Angebote gemeinsam weiterentwickeln
Die vom WIFO zusammengestellten Zahlen zeigen, wo neue Möglichkeiten liegen: Im Betreuungsjahr 2022/23 gab es in Südtirol 23,9 frühkindliche Betreuungsplätze je 100 Kinder unter drei Jahren, im Trentino 41,2. An deutschsprachigen Grundschulen besuchten 2025/26 rund 5,8 Prozent der Kinder ein Ganztagsangebot, an italienischsprachigen waren es 30,8 Prozent. Flexible Öffnungszeiten, ergänzende Nachmittagsangebote und die Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg können Familien den Alltag erleichtern.
„Unsere Gemeinden haben ihre Betreuungsangebote in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Das ist eine wichtige Grundlage. Jetzt müssen wir noch stärker auf die tatsächlichen Bedürfnisse von Familien eingehen“, sagt Andreas Schatzer, Präsident der Plattform Land. „Auf den Strukturwandel muss ein Kulturwandel folgen: Familie, Betreuung und Pflege sind Aufgaben, die wir gemeinsam tragen müssen.“
Die Arbeitsmarktdaten machen deutlich, welches Potenzial darin liegt: 2022 waren 47,7 Prozent der beschäftigten Frauen in Südtirol in Teilzeit tätig, bei den Männern waren es 10,5 Prozent.
Wie Betriebe dazu beitragen können, zeigt eines der Beispiele der Herbsttagung: Die Kinderbetreuung „Pitla Suricia“ des Cavallino Bianco in Gröden steht nicht nur Kindern von Mitarbeitenden, sondern auch anderen Familien und Betrieben im Tal offen. So wird aus einer betrieblichen Initiative ein Angebot für das ganze Tal.
„Wir wollen als Gesellschaft Kinder und Familien. Und wir wollen, dass Frauen ihre beruflichen Möglichkeiten ausschöpfen können, auch in Vollzeit, wenn sie das möchten“, betont Georg Lun vom WIFO. „Dazu brauchen wir passende Rahmenbedingungen in Schulen, Betreuung, Pflege und Unternehmen. Vor allem müssen wir das Thema gemeinsam angehen, Frauen wie Männer. Es gibt viel Raum für gute Lösungen.“
Pflege und Arbeit besser verbinden
Auch beim Älterwerden braucht es Lösungen, die Familien entlasten. 2020 wurden in Südtirol rund 74 Prozent der 17.020 pflegebedürftigen Menschen zu Hause betreut. Bis 2035 könnte die Zahl der Pflegebedürftigen laut einer Prognose auf rund 22.739 steigen. Wohnortnahe Unterstützung, neue Wohn- und Betreuungsformen und gut vernetzte Dienste können dazu beitragen, dass ältere Menschen möglichst selbstbestimmt leben und Angehörige weiter berufstätig bleiben können. Auf der Herbsttagung zeigt die Stiftung Lorenzerhof, wie ein Seniorenwohnheim durch Begegnungsangebote und neue Formen der Betreuung zu einem offenen Ort für die Gemeinde wird.
Gute Orte entstehen gemeinsam
Bei der Herbsttagung am Mittwoch, 25. November 2026, in St. Ulrich werden neben Georg Lun weitere Beispiele aus Südtirol vorgestellt: von familienfreundlicher Kinderbetreuung über Mitgestaltung durch Jugendliche bis zu Begegnungsräumen und Angeboten für ältere Menschen.
Die Plattform Land will damit zeigen, wie Gemeinden, Betriebe und Zivilgesellschaft soziale Infrastruktur gemeinsam gestalten können. Denn wo Menschen Unterstützung finden, Verantwortung teilen und sich einbringen können, entstehen lebendige Orte und neue Perspektiven für die regionale Wirtschaft.
BILD – Georg Lun (links), Direktor des WIFO – Instituts für Wirtschaftsforschung der Handelskammer Bozen, und Andreas Schatzer (rechts), Präsident der Plattform Land, betonen: Für eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pflege braucht es neben verlässlichen Betreuungsangeboten auch einen gesellschaftlichen Kulturwandel.
Quelle: Plattform Land
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