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Stabil unter Druck

Südtirols Handwerk ist gut beschäftigt. Doch steigende Kosten, fehlende Fachkräfte und Bürokratie machen das Geschäft schwieriger.

Datum
10.09.2026
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Eigentlich müsste es dem Südtiroler Handwerk gut gehen. 15.247 Handwerksunternehmen sind im Land aktiv – mehr als Ende 2025. Rund 17.300 Beschäftigte arbeiten allein im verarbeitenden Handwerk und im Bau. In vielen Betrieben ist ausreichend Arbeit vorhanden. 

Und trotzdem wächst der Druck. Kundinnen und Kunden entscheiden vorsichtiger, Investitionen werden genauer geprüft, Projekte später freigegeben. 

Gleichzeitig steigen Löhne, Energie- und Betriebskosten. Fachkräfte fehlen, bürokratische Anforderungen binden Zeit und Ressourcen. Die Lage ist stabil – aber wirtschaftlicher Erfolg wird anspruchsvoller.

 

Bauen ja. Aber anders. 

Besonders sichtbar wird der Wandel am Bau. Während im Neubau Zurückhaltung spürbar ist, gewinnen Sanierungen und energetische Modernisierungen an Bedeutung. „Die Bautätigkeit bleibt insgesamt auf einem guten Niveau, auch wenn wir eine gewisse Zurückhaltung bei Neubauprojekten feststellen. Positiv entwickelt sich hingegen der Bereich Sanierung und energetische Modernisierung“, sagt Fritz Ploner, Obmann der Berufsgruppe Bau. 

Viele Betriebe hätten weiterhin gut gefüllte Auftragsbücher. Anfragen würden jedoch selektiver und Entscheidungen später getroffen. Was die Unternehmen jetzt besonders brauchen, seien Planungssicherheit, schnellere Genehmigungsverfahren, stabile Energiepreise und verlässliche Förderprogramme. Von energetischen Sanierungen sowie Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten profitiert auch die Gebäudetechnik. Förderungen für Wärmepumpen und Photovoltaik sorgen zusätzlich für Nachfrage. 

„Die Geschäftslage bleibt positiv, auch wenn sich der Bettenstopp und reduzierte Förderungen künftig bemerkbar machen könnten“, sagt Theo Oberhofer, Vizegruppenobmann der Berufsgruppe Gebäudetechnik.

Fachkräftemangel, Digitalisierung und zunehmende bürokratische Prozesse fordern die Betriebe zusätzlich. Der Blick auf das zweite Halbjahr bleibt optimistisch – richtet sich aber bereits auf die Entwicklung 2027. 

Auch die Holzbranche hat sich besser entwickelt als erE wartet. Trotz einzelner Baustellenverschiebungen ist die Auftragslage gut. Steigende Löhne, Energie- und Investitionskosten erhöhen jedoch den Preisdruck. „Die größten Herausforderungen für die Betriebe bleiben der Fachkräftemangel, die zunehmende Bürokratie sowie die Sicherung der Unternehmensnachfolge“, sagt Michael Gruber, Obmann der Berufsgruppe Holz. 

Viele Unternehmen reagieren mit Investitionen in Digitalisierung und moderne Fertigungstechnologien.

 

Wenn gute Auslastung nicht reicht 

Wie wenig Auslastung allein über wirtschaftlichen Erfolg aussagt, zeigt sich im Bereich der Körperpflege und Dienstleistungen. Die Grundnachfrage ist stabil, Stammkunden und spontane Buchungen sorgen für Arbeit. Manche Leistungen werden allerdings seltener nachgefragt. Entscheidender wird die Frage, was am Ende übrig bleibt.

„Herausforderungen sind vor allem der steigende Margendruck durch höhere Löhne, Mieten, Produktkosten und zahlreiche laufende Betriebsausgaben sowie der zunehmende Verwaltungsaufwand“, sagt Claudia Hillebrand, Obfrau der Berufsgruppe Körperpflege und Dienstleistungen. Preisanpassungen ließen sich nur begrenzt durchsetzen. Potenzial sieht die Branche in Digitalisierung und Online-Buchungssystemen. 

Im Kunsthandwerk stellt sich dagegen eine grundsätzlichere Frage: Wer wird bestimmte Berufe künftig noch ausüben? „Das Kunsthandwerk bewegt sich derzeit auf dem Niveau des Vorjahres“, sagt Filip Piccolruaz, Obmann der Berufsgruppe Kunsthandwerk. Die Nachfrage in wichtigen Märkten wie Deutschland und Italien sei zurückhaltender geworden. Größere Sorgen bereitet jedoch die nächste Generation: „Sorgen bereitet uns vor allem der kontinuierliche Rückgang an Bildhauerinnen und Bildhauern sowie qualifizierten Fachkräften.“ Umso wichtiger sei es, Wissen und Können weiterzugeben und dieses kulturelle Erbe zu erhalten.

 

Märkte verändern sich 

Nicht überall sind Kosten und Fachkräfte die entscheidenden Faktoren. In einigen Branchen verändern sich Nachfrage und Geschäftsmodelle grundlegend. Besonders deutlich zeigt sich das bei den Medien. „Die Medienbranche zeigt derzeit ein sehr unterschiedliches Bild“, sagt Anna Dallemulle, Obfrau der Berufsgruppe Medien. 

Fotografinnen und Fotografen, sowie Filmerinnen und Filmer verfügen über eine gute Auftragslage, viele Druckereien stehen dagegen unter starkem wirtschaftlichem Druck. 

Bei Mediendesigner/innen reicht das Spektrum inzwischen von Webdesign über Social Media und Marketingberatung bis zu klassischen Kreativleistungen. Gleichzeitig verändert Künstliche Intelligenz Arbeitsprozesse und Angebote. Welche Auswirkungen sie langfristig haben wird, ist noch offen. Sicher ist für Dallemulle: „Die Branche befindet sich in einem raschen Wandel und muss sich laufend an neue Marktanforderungen anpassen.“ Auch im Metallhandwerk verschieben sich einzelne Geschäftsfelder. Insgesamt ist die Auftragslage stabil. Im Kfz-Bereich nimmt das Arbeitsvolumen trotz wachsender Elektromobilität sogar leicht zu: Fahrzeuge werden länger genutzt, Reparaturen dadurch häufiger und umfangreicher. 

„Die größten Herausforderungen bleiben der Mangel an qualifizierten Fachkräften, die Suche nach motivierten Lehrlingen sowie die zunehmende Bürokratie, insbesondere bei öffentlichen Ausschreibungen“, sagt Dietmar Mock, Obmann der Berufsgruppe Metall. 

Für das zweite Halbjahr erwartet er eine ähnlich positive Entwicklung. Viel hängt dabei auch von der Baubranche ab – für zahlreiche Metallbetriebe ein sehr wichtiger Markt. 

Im Transportgewerbe ist die Nachfrage grundsätzlich stabil, die einzelnen Geschäftsfelder entwickeln sich jedoch unterschiedlich. „Im Bereich Personentransport haben im ersten Halbjahr die nicht durchgeführten Schulausflüge zu spürbaren Einbußen geführt“, sagt Hansjörg Thaler, Obmann der Berufsgruppe Transport. Der Schienenersatzverkehr sorgt aktuell für gute Auslastung, Reisegruppen und Tagesausflüge sind dagegen etwas zurückgegangen. Unsichere Treibstoffpreise und bürokratische Auflagen erhöhen den Druck zusätzlich.

 

Qualität als Gegenmodell 

Wo Preis- und Wettbewerbsdruck steigen, gewinnen jene Stärken an Bedeutung, die das Handwerk von industrieller Massenware unterscheiden: Qualität, Herkunft, Individualität und persönliche Beratung. Das zeigt das Lebensmittelhandwerk. „Die Nachfrage nach regionalen, handwerklich hergestellten Produkten bleibt erfreulich hoch“, sagt Klaus Kofler, Obmann der Berufsgruppe Nahrungsmittel. 

Qualität, Herkunft und Tradition bleiben wichtige Stärken. Gleichzeitig belasten gestiegene Personal-, Energie- und Rohstoffkosten die Betriebe. Für das zweite Halbjahr erwartet Kofler eine solide Entwicklung, auch wenn Kaufzurückhaltung und wirtschaftlicher Druck aufmerksam beobachtet werden müssen. 

Ähnlich ist die Situation im Bereich Textil und Leder. Qualität, Individualität und maßgeschneiderte Lösungen sind gefragt, Nachhaltigkeit und Regionalität gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig wächst der Wettbewerb durch Massen- und Onlineanbieter. 

„Für das zweite Halbjahr blicken wir vorsichtig optimistisch nach vorne“, sagt Melanie Trafojer, Obfrau der Berufsgruppe Textil und Leder. Entscheidend sei, sich auf das eigene Können zu konzentrieren: „Die große Stärke unseres Handwerks liegt in Kreativität, persönlicher Beratung und maßgeschneiderter Qualität – Leistungen, die auch künftig gefragt sein werden.“

 

Arbeit ist da. Der Spielraum wird kleiner. 

Zehn Berufsgruppen, unterschiedliche Märkte – und auffallend ähnliche Herausforderungen. Das Südtiroler Handwerk steckt nicht in einer Krise. Die Beschäftigung ist hoch, Arbeit ist vorhanden und viele Betriebe blicken zuversichtlich auf die kommenden Monate. 

Doch Auslastung und wirtschaftlicher Erfolg sind längst nicht dasselbe. Kosten steigen, Fachkräfte fehlen, Bürokratie bindet Ressourcen. 

Gleichzeitig verändern sich die Märkte: Sanierung gewinnt gegenüber Neubau, Reparatur gegenüber Neukauf, digitale Leistungen gegenüber klassischen Geschäftsmodellen. Qualität, Spezialisierung und Regionalität werden wichtiger. 

Gute Auftragsbücher allein garantieren deshalb noch kein gutes Geschäft. Entscheidend wird, wie produktiv Betriebe arbeiten, wie klar sie sich positionieren und ob die Rahmenbedingungen unternehmerischen Spielraum ermöglichen. 

Stabilität bedeutet für das Handwerk 2026 vor allem eines: mehr Kraft aufwenden, um auf Kurs zu bleiben.

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