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Mehr als Made in Südtirol: Wie Europa das Handwerk schützt

Mit einer neuen EU-Regelung können erstmals auch Nicht-Lebensmittel europaweit geografisch geschützt werden – also Produkte des Handwerks und der Industrie. Für das Handwerk in Südtirol könnte das zum Gamechanger werden.

Datum
29.06.2026
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Es klingt zunächst nach einem technischen Detail aus Brüssel. Ein weiteres EU-Regelwerk. Doch hinter der neuen Verordnung zu den geschützten geografischen Angaben (IGP) für handwerkliche und industrielle Produkte steckt weit mehr als Bürokratie. Es geht um Herkunft. Um Identität. Um den Wert von Können. 

Wenn Herkunft mehr ist als ein Etikett 

Die Idee dahinter ist einfach: Bestimmte Produkte sind untrennbar mit einem Ort verbunden. Nicht nur, weil sie dort hergestellt werden, sondern weil dort Wissen, Materialien, Techniken, Kultur und Mentalität zusammenkommen. Ein handgeschnitztes Werk aus Gröden ist eben nicht einfach nur Holz. Eine Maßanfertigung aus Leder oder Textil mehr als bloße Verarbeitung. Die neue Verordnung schafft einen rechtlichen Rahmen für sogenannte „non agri“-IGP – geografische Herkunftsangaben für handwerkliche und industrielle Produkte. „Registriert werden können Erzeugnisse, deren Qualität, Ruf oder Eigenschaften wesentlich mit einer bestimmten Region verbunden sind“, erklärt lvh-Direktor Walter Pöhl und ergänzt: 

„Für das Südtiroler Handwerk ist das eine strategische Chance.“

Regelung betrifft das gesamte Handwerk 

Besonders sichtbar wird das Potenzial der neuen Regelung zunächst dort, wo Handwerk seit Jahrhunderten kulturelle Identität prägt: im Kunsthandwerk. „Viele unserer Arbeiten tragen bereits heute eine klare regionale Handschrift. Die neue IGP-Regelung gibt uns erstmals die Möglichkeit, diese Herkunft auch rechtlich und europaweit zu schützen“, sagt Filip Piccolruaz, Obmann der Berufsgruppe Kunsthandwerk im lvh. Doch wer bei geografischen Herkunftsangaben nur an Kunsthandwerk denkt, greift viel zu kurz. Die neue EU-Regelung hat das Potenzial, weit über klassische Traditionsberufe hinaus Wirkung zu entfalten. Denn die Frage nach Herkunft und regionaler Kompetenz stellt sich heute praktisch in allen Bereichen des Handwerks. Bei den Hafner/innen etwa geht es längst nicht mehr nur um traditionelle Öfen. Es geht um lokal gewachsenes Know-how, um nachhaltige Heizlösungen und um handwerkliche Einzelstücke. „Unsere Arbeit verbindet Tradition, Südtiroler Identität und technologische Innovation. Eine europaweit geschützte Herkunftsbezeichnung kann dazu beitragen, dieses besondere Know-how sichtbar zu machen und langfristig zu schützen“, betont Christian Gross, Obmann der Hafner/innen im lvh.

Auch Hightech-Handwerk profitiert 

Interessant ist dabei, dass die Regelung nicht nur traditionelle Gewerke betrifft. Auch technologisch hochspezialisierte Branchen des Handwerks könnten profitieren. „Südtirol verfügt über zahlreiche hochspezialisierte Handwerksbetriebe im Maschinen- und Werkzeugbau. Herkunft kann auch in einem technologischen Umfeld ein echter Wettbewerbsvorteil sein“, erklärt Andreas Falser, Obmann der Maschinenbaumechaniker/innen & Werkzeug- und Formenbauer/innen im lvh. Gerade kleinere Betriebe könnten dadurch international sichtbarer werden. Auch das Textil- und Lederhandwerk verfolgt die Entwicklung mit großem Interesse. Denn kaum ein Bereich erlebt derzeit einen so starken Wandel zwischen Massenproduktion und wachsendem Wunsch nach Individualität, Nachhaltigkeit und regionaler Qualität. „Immer mehr Kundinnen und Kunden möchten wissen, wo ein Produkt entsteht und wer dahintersteht. Die neue europäische Regelung kann helfen, diese Glaubwürdigkeit noch stärker hervorzuheben“, sagt Melanie Trafojer, Obfrau der Berufsgruppe Textil und Leder im lvh.

Chance für das Südtiroler Handwerk 

Die aufgeführten Gewerke stehen beispielhaft für das gesamte Südtiroler Handwerk. Die Liste lässt sich beliebig erweitern. Ausschlaggebend ist: Europa erkennt erstmals offiziell an, dass handwerkliches Wissen schützenswert ist. Die Herkunft eines Produkts wird so zum Teil seines Wertes. Sie schafft Vertrauen. Sie stiftet Identität. Und sie macht sichtbar, warum ein Produkt mehr wert ist. Für das Südtiroler Handwerk könnte daraus weit mehr entstehen als ein neues Label.

Foto: Nicht nur das Kunsthandwerk fällt unter die neue EU-Regelung © Alan Bianchi

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