Konsortien als Chance für KMU
Warum Südtirols Handwerk mehr braucht als freie Flächen.
Wenn ein Handwerksbetrieb wächst, beginnt oft ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Werkstatt wird zu klein, neue Maschinen finden keinen Platz mehr, zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigen Raum. Gleichzeitig steht vielleicht bereits die nächste Generation bereit, den Betrieb weiterzuführen. Doch wohin expandieren, wenn geeignete Flächen fehlen?
Diese Frage beschäftigt heute viele Unternehmerinnen und Unternehmer in Südtirol. Denn während Betriebe wachsen und sich weiterentwickeln wollen, werden verfügbare Gewerbeflächen immer knapper. Was früher oft eine Frage der Finanzierung war, wird zunehmend zu einer Frage des Standorts.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Grundstücke. Gewerbegebiete sind heute entscheidende Zukunftsräume für Unternehmen, Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung. Sie bestimmen mit, ob Betriebe investieren, ob Nachfolgen gelingen und ob junge Unternehmerinnen und Unternehmer ihre Ideen vor Ort verwirklichen können.
Genau deshalb rückt die Entwicklung von Gewerbegebieten zunehmend in den Mittelpunkt wirtschaftspolitischer Diskussionen.
Der lvh hat begonnen, die Situation in Südtirols Gemeinden systematisch zu analysieren und den tatsächlichen Bedarf der Betriebe zu erheben. Ziel ist es, Gemeinden und Entscheidungsträgern eine fundierte Grundlage für die zukünftige Entwicklung zu liefern – nicht nach dem Prinzip „mehr Fläche um jeden Preis“, sondern nach dem Prinzip „die richtige Fläche am richtigen Ort“.
Wachstum trifft auf knappe Ressourcen
Die wirtschaftliche Entwicklung vieler Gemeinden zeigt eine klare Tendenz: Betriebe wachsen, neue Unternehmen entstehen und bestehende Strukturen entwickeln sich weiter. Gleichzeitig bleiben die verfügbaren Flächen begrenzt. Allein im Sarntal stieg die Zahl der Handwerksunternehmen zwischen 2013 und 2025 von 251 auf 309 Betriebe – ein Wachstum von 23 Prozent. Die wirtschaftliche Dynamik ist vorhanden, die verfügbaren Flächen wachsen jedoch deutlich langsamer. Genau hier entsteht jener Zielkonflikt, mit dem sich viele Gemeinden heute auseinandersetzen müssen.
Hinzu kommt ein grundlegender Wandel in der Raumordnung. Neue Gewerbegebiete entstehen nicht mehr automatisch, sondern müssen langfristig geplant, begründet und professionell begleitet werden. Die Zukunft der Gewerbegebiete entscheidet sich deshalb nicht mehr allein auf dem Reißbrett, sondern im Zusammenspiel von Betrieben, Gemeinden, Verbänden und öffentlichen Institutionen.
Gewerbegebiete als Wirtschaftsökosysteme
Wie erfolgreiche Gewerbegebiete heute funktionieren können, zeigt das Beispiel Innichen. Für den Unternehmer und lvh-Bezirksobmann des Oberpustertals, Dieter Happacher liegt der Erfolg nicht allein in Infrastruktur und Gebäuden, sondern vor allem im Miteinander der Betriebe.
Die räumliche Nähe fördere Kooperationen, beschleunige Entscheidungen und stärke die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Ebenso wichtig sei die Zusammenarbeit zwischen Betrieben, Gemeinden und Interessenvertretungen. „Erfolgreiche Gewerbegebiete entstehen durch Dialog. Wenn alle Beteiligten frühzeitig gemeinsam planen, entstehen Lösungen, die langfristig tragfähig sind.“
Für Happacher sind attraktive Gewerbegebiete deshalb ein entscheidender Standortfaktor für Wachstum, Innovation und Betriebsnachfolgen. Die Erfahrungen aus Innichen zeigen: Erfolgreiche Gewerbegebiete sind heute weit mehr als eine Ansammlung von Betriebsgebäuden – sie sind Wirtschaftsökosysteme.
Die Rolle des lvh
Während früher häufig einzelne Projekte im Mittelpunkt standen, verfolgt der lvh heute einen umfassenderen Ansatz.
Im Zuge der Gemeindeentwicklungsprogramme erhebt der Verband den konkreten Bedarf der Betriebe, analysiert wirtschaftliche Entwicklungen und begleitet Gemeinden bei strategischen Entscheidungen. Gleichzeitig unterstützt er Unternehmen dabei, ihre Interessen frühzeitig einzubringen und Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Dadurch entsteht eine wichtige Brücke zwischen betrieblicher Realität und öffentlicher Planung. Denn die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur, wo heute Platz vorhanden ist. Viel wichtiger ist die Frage, wo Betriebe morgen wachsen können.
Rosslauf: Gemeinsam statt allein
Ein Beispiel dafür ist das Konsortium Rosslauf in Eppan. Mehrere Unternehmen haben sich dort zusammengeschlossen, um die Entwicklung ihres Gewerbegebiets gemeinsam voranzutreiben – von der Umwidmung über die Infrastruktur bis zur Ansiedlung der Betriebe. Für Karlheinz Meraner liegt darin der entscheidende Erfolgsfaktor: „Ein Projekt dieser Größenordnung kann kaum von einzelnen Betrieben allein bewältigt werden.
Das Konsortium bündelt Interessen, koordiniert die Abläufe und sorgt für eine professionelle Umsetzung.“ Ebenso wichtig sei die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Gemeinden und Verwaltung. „Erst wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, können solche Projekte erfolgreich umgesetzt werden.“
Rosslauf steht damit beispielhaft für eine Entwicklung, die künftig an Bedeutung gewinnen dürfte: Gewerbegebiete werden zunehmend zu Gemeinschaftsprojekten, bei denen Kooperation zum entscheidenden Erfolgsfaktor wird.
Zeitenwende für Südtirols Gewerbegebiete
Moderne Gewerbegebiete müssen heute weit mehr leisten als nur Flächen bereitzustellen. Themen wie Infrastruktur, Betriebsnachfolge, Fachkräftegewinnung und nachhaltige Entwicklung rücken zunehmend in den Mittelpunkt. Gleichzeitig gewinnen Gemeindeentwicklungsprogramme als Grundlage für eine langfristige Standortplanung an Bedeutung.
Für Christoph Pöder, Initiator des Konsortiums „Altes Kreuz“ in Deutschnofen, ist vorausschauende Planung daher unverzichtbar. „Heute müssen Infrastruktur, Förderungen, Genehmigungen und organisatorische Abläufe perfekt aufeinander abgestimmt sein. Das richtige Timing entscheidet oft darüber, ob ein Projekt gelingt oder ins Stocken gerät.“ Auch das Konsortialmodell sieht er als wichtigen Erfolgsfaktor: „Die Projekte werden komplexer und die Anforderungen steigen. Professionelle Strukturen helfen dabei, die Umsetzung effizient und qualitativ hochwertig zu gestalten.“
Die Zukunft liegt in der Zusammenarbeit
Die Analyse des lvh zeigt deutlich: Der Bedarf an Gewerbeflächen ist vorhanden und wird vielerorts weiter steigen. Gleichzeitig werden verfügbare Flächen knapper, Verfahren anspruchsvoller und die Erwartungen an moderne Standorte höher. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Gewerbegebiete entwickelt werden sollen, sondern wie. Die Beispiele aus Innichen, Rosslauf und Deutschnofen zeigen, dass die erfolgreichsten Lösungen dort entstehen, wo Betriebe, Gemeinden und Interessenvertretungen frühzeitig gemeinsam planen.
Wo Kooperation wichtiger wird als Einzelinteressen. Und wo Gewerbegebiete nicht als reine Flächenreserve verstanden werden, sondern als strategische Zukunftsstandorte für Unternehmen, Beschäftigung und regionale Wertschöpfung. Die Zukunft des Handwerks entscheidet sich nicht erst in den Werkstätten. Sie entscheidet sich bereits heute auf den Flächen, die Gemeinden ausweisen, Betriebe gemeinsam entwickeln und die nächste Unternehmergeneration eines Tages übernehmen wird.
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