„Wer hier bleibt und investiert, braucht Perspektiven“
Was macht den ländlichen Raum für Betriebe und Fachkräfte attraktiv? Beim Tag des Handwerks in Bozen rückte der lvh eine Frage in den Mittelpunkt, die in der Debatte um den Brain-Drain oft zu kurz kommt: Was brauchen jene, die sich bewusst für Südtirol entscheiden?
Während viel darüber diskutiert wird, wie sich abgewanderte Fachkräfte zurückholen lassen, geraten leicht jene aus dem Blick, die bleiben, Betriebe übernehmen, Arbeitsplätze schaffen und investieren. Genau ihnen widmete der Wirtschaftsverband Handwerk und Dienstleister (lvh.apa) den diesjährigen Tag des Handwerks. Unter dem Motto „Wettbewerbs-Standort ländlicher Raum: attraktiv aus vielen Gründen!“ diskutierten Vertreter aus Wirtschaft, Handwerk und Politik aus Südtirol, Tirol und Bayern über die Zukunft ländlicher Wirtschaftsstandorte.
Lebensqualität allein reicht nicht
Leistbares Wohnen, funktionierende Mobilität, Kinderbetreuung und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten entscheiden zunehmend darüber, wo Menschen ihre Zukunft sehen. Für Unternehmen sind diese Faktoren längst zu entscheidenden Standortbedingungen geworden. „Unsere ländlichen Räume haben vieles, was Menschen und Unternehmen suchen: Lebensqualität, starke Gemeinschaften und fest verwurzelte Betriebe“, unterstrich lvh-Präsident Martin Haller. Umso wichtiger sei es, heute die Voraussetzungen zu schaffen, damit junge Menschen und Unternehmen auch morgen Perspektiven sehen. Dass Südtirol dafür beste Voraussetzungen mitbringt, betonte Landeshauptmann Arno Kompatscher. Er hob insbesondere den kontinuierlichen Austausch zwischen Handwerk und Politik hervor, um gemeinsam die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft des Landes zu stellen.
Wie sich der ländliche Raum als attraktiver Lebens- und Wirtschaftsstandort behaupten kann, stand im Mittelpunkt der anschließenden Podiumsdiskussion. Dabei ging es um die Vereinbarkeit von Arbeiten und Wohnen, die Chancen von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz, die Innovationsbereitschaft der Betriebe sowie die politischen Rahmenbedingungen für Investitionen und Wachstum. Auch Fachkräftesicherung und Unternehmensnachfolge spielten eine zentrale Rolle.
Mit Haller diskutierten die Tiefbauunternehmerin und lvh-Vizepräsidentin Angelika Wiedmer, Landeshauptmannstellvertreter Marco Galateo, Johanna Santa Falser, Vizepräsidentin der Handelskammer Bozen, Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, Franz Jirka, Spartenobmann der Sparte Gewerbe und Handwerk der Wirtschaftskammer Tirol sowie Ulrich Stofner, CEO des NOI Techpark.
Galateo unterstrich in diesem Zusammenhang die zentrale Bedeutung des Handwerks für die Entwicklung und Attraktivität des ländlichen Raums. Gleichzeitig betonte er die Notwendigkeit gezielter Unterstützung, insbesondere beim Bürokratieabbau, der Fachkräftesicherung sowie der Schaffung von Entwicklungsmöglichkeiten in den Gewerbegebieten. Der Blick über die Landesgrenzen verdeutlichte, dass Südtirol, Tirol und Bayern vor ähnlichen Herausforderungen stehen: Traditionelle Standortstärken müssen mit zeitgemäßen Bedingungen für unternehmerisches Handeln verbunden werden. Weitere Impulse zur Zukunft des Handwerks kamen von Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), sowie von Marco Granelli, Präsident von Confartigianato Imprese, der sich per Videobotschaft an die Teilnehmenden wandte.
Handwerkliche Leistungen im Rampenlicht
Neben den wirtschaftspolitischen Zukunftsfragen stand die Würdigung besonderer Leistungen im Mittelpunkt. Gleich zwei Ehrungen zeigten, wie vielfältig das Engagement für das Handwerk ist: der VFH-Förderpreis Handwerk und die Auszeichnung des Südtiroler Teams bei den WorldSkills 2026.
Der jährlich verliehene VFH-Förderpreis Handwerk des Vereins zur Förderung des deutschen Handwerks e. V. (VFH) mit Sitz in München würdigt Persönlichkeiten und Institutionen aus dem deutschsprachigen Alpenraum, die sich in besonderer Weise für die Entwicklung und Förderung des Handwerks einsetzen. In diesem Jahr ging die Auszeichnung an Prof. Martin Burgi. Gewürdigt wurde sein langjähriges wissenschaftliches und fachliches Engagement für die Weiterentwicklung des Handwerks.
Für internationale Spitzenleistungen wurde anschließend das achtköpfige Südtiroler Team Handwerk der WorldSkills 2026 in Shanghai geehrt. Mediendesigner Liam Fiechter gewann Gold, Tischler Jonas Wenter sicherte sich Bronze. Mit einem Medallion for Excellence wurden Maurer Matthias Widmann, HLS-Techniker Florian Feichter, Floristin Franziska Gschnitzer, Kfz-Mechatroniker Fabian Stolzlechner und Friseurin Annika Kofler ausgezeichnet. Maler und Lackierer Noah Pillon komplettierte das Team.
Priska Reichhalter, Landesobfrau der Junghandwerker/innen im lvh, gratulierte den acht Teilnehmenden und überreichte ihnen eine kleine Aufmerksamkeit. lvh-Vizepräsident Hannes Mussak würdigte zudem den Einsatz der Ausbildungsbetriebe, Experten und Teamleader, die die jungen Talente auf ihrem Weg nach Shanghai begleitet hatten. Anerkennung erhielten auch die offizielle Delegierte Jasmin Fischnaller und der technische Delegierte Thomas Pardeller.
Die Ehrungen machten zugleich deutlich, welches Potenzial im Südtiroler Handwerk steckt. Damit Können, Engagement und Unternehmergeist auch künftig vor Ort wirken können, braucht es Rahmenbedingungen, die jungen Menschen Entwicklungschancen eröffnen und Betrieben ermöglichen, zu investieren, zu wachsen und Verantwortung an die nächste Generation weiterzugeben.
Bild 01: Johanna Santa Falser, Martin Haller, Franz Xaver Peteranderl, Franz Jirka, Angelika Wiedmer, Moderatorin Sarah Bernardi, Marco Galateo und Ulrich Stofner während der Podiumsdiskussion – © gugg films
Bild 02: Die Teilnehmenden der WorldSkills 2026 in Shanghai mit den Experten und Ausbildungsbetrieben, (v.r.) Hannes Mussak und Jasmin Fischnaller – © gugg films
Bild 03: Volles Haus beim Tag des Handwerks – © gugg films
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