Frauen in praktischen Berufen - eine Erfolgsgeschichte

 

Der raue Ton und die körperlich schwere Arbeit, das ist doch nichts für Frauen, oder? Dass sich manche heutzutage diese Frage überhaupt noch stellen, beweist, dass die alten Klischees den Berufen immer noch vorauseilen. Die Realität ist hingegen ganz eine andere: Praktische Berufe müssen weder „schwer“ noch „schmutzig“ sein, wie sie oft gerne bezeichnet werden. Der modernen Technik und den vielen innovativen Fortschritten sei Dank! Sie bieten heutzutage zahlreiche Chancen, die von Frauen sehr gut genutzt werden.

TECHNIK UND INNOVATION ERSETZEN KÖRPERLICH SCHWERE ARBEIT

Der Arbeitsalltag vieler Berufe hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert: Weder sitzt der Steinmetz noch mit Meisel und Hammer da, noch bearbeitet der Tischler nur mit dem Hobel das Holz. Heute geht alles sehr technisch und modern vonstatten. Die Lieblingsmaschine der heutigen Handwerker im Bau- und Holzsektor: Die CNC-Fräse. Mit dieser und vielen anderen modernen Maschinen haben sich die Berufe und somit auch die Arbeit verändert. Da vieles technisch mittels PC läuft, sind die Berufe heute für Frauen noch interessanter, da es jetzt vielmehr um Köpfchen und weniger um Muskelkraft geht.
Leider konnte das Interesse der Frauen für zahlreiche Berufe noch nicht ganz geweckt werden. Das wird klar, wenn man die aktuellen Zahlen betrachtet: Nur 20,3 Prozent der Unternehmerpersonen im Südtiroler Handwerk sind Frauen, so die aktuelle Handwerkerstudie des WIFO Instituts für Wirtschaftsforschung. Besonders hoch ist der Frauenanteil mit 40,5 Prozent bei den Dienstleistungen. Die beliebtesten Berufe sind Schönheitspfleger und Friseure. Doch praktische Berufe gibt es viele weitere!

FRAUEN LIEGEN OFT IM VORTEIL

Für Frauen stehen alle praktischen Berufe offen. Sie können besonders mit ihrer Sorgfalt, Fingerspitzengefühl und ihrer Ruhe punkten.
„Wir haben von Betrieben bisher nur gute Rückmeldungen erhalten, wenn es um Frauen in den verschiedenen Bereichen geht“, unterstreicht lvh-Präsident Martin Haller. „Südtiroler Betriebe wüschen sich, dass das Interesse der Frauen für handwerkliche Berufe weiterwächst. Besonders Branchen, die oft als „Männerberufe“ bezeichnet werden, wünschen sich mehr Frauen in ihrem Team. Deshalb möchte ich alle interessierten Mädchen und Frauen aufrufen, praktische Berufe öfter in Erwägung zu ziehen.“
Wie es gehen kann, wenn junge Frauen einen praktischen Beruf mit Großteil männlichen Kollegen einschlagen, zeigen Claudia Augschöll und Jasmin Rieper. Die Kfz-Mechatronikerin und die Elektrotechnikerin haben in einem Gespräch verraten, was ihren Beruf so besonders macht und welche Erfahrungen sie bisher gemacht haben.

CLAUDIA AUGSCHÖLL - KFZ-MECHATRONIKERIN - 16 JAHRE

Claudia CMYK 5 kleinClaudia Augschöll - KFZ-MechatronikerinIch habe mich immer schon für Maschinen interessiert. Es ist großartig, sich in einem Fachgebiet wie diesem auszukennen. Meinen Traum als KFZ-Mechatronikerin habe ich mir 2019 erfüllt. Seither arbeite ich in der Garage Lewisch in Klausen. Die Affinität zu diesem Beruf entstand bei mir schon ganz früh. Ich bin auf einem Hof aufgewachsen und mich haben schon als kleines Mädchen die vielen landwirtschaftlichen Maschinen meines Vaters fasziniert. Als ich dann in der Schule noch mehr Maschinen kennenlernte, kam ich auf den Beruf der Kfz-Mechatronikerin.

Mit 15 habe ich mich dazu entschieden, in der „Landesberufsschule für Handel, Handwerk und Industrie Christian Josef Tschugmall“ in Brixen im Zuge der dualen Ausbildung die Lehre als KFZ-Mechatronikerin anzufangen. Zurzeit bin ich noch in der dualen Ausbildung. Ich gehe einmal im Semester fünf Wochen am Stück zur Schule und nebenbei arbeite ich im Betrieb als Kfz-Mechatronikerin. An meinem Beruf gefällt mir besonders, dass ich jeden Tag mit verschiedenen Fahrzeugen schrauben und tüfteln kann. Es ist ein tolles Gefühl am Ende des Arbeitstages zu sehen, was ich geleistet habe. Besonders wenn die Kunden mit der Arbeit zufrieden sind.

Der Beruf hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Wir als KFZ-Mechatroniker können mittlerweile auch im elektronischen Bereich sehr viel machen und es ist nicht mehr alles „nur“ mechanisch. Durch die Elektronik hat sich auch bei den Autos viel verändert. Es ist nicht mehr so wie früher, dass die Leute bestimmte Teile selbst austauschen oder reparieren können.
Ich finde es toll, wenn ich über Autos sprechen kann. Da finde ich bei den Arbeitskollegen immer ein offenes Ohr. Ich fühle mich bei der Arbeitsstelle richtig wohl. Ich musste mir auch noch von keinem – weder von Mitschülern, Arbeitskollegen oder Kunden – ein Kommentar anhören, weil ich eine Frau bin. Ich wurde immer als vollwertige Kfz-Mechatronikerin angesehen. Die meisten unterstützen meine Berufswahl und finden es toll, dass ich meinen Berufswunsch erfüllt habe. Jungen Frauen und Mädchen, die gerne eine Handwerksberuf ausüben möchten, würde ich gerne folgendes mit auf den Weg geben: Traut euch! Wenn ihr etwas unbedingt machen wollt, dann macht es auch! Es ist wichtig, Motivation zu zeigen und den Mut aufzubringen, den Wunsch wirklich umzusetzen.

JASMIN RIEPER - ELEKTROTECHNIKERIN - 32 JAHRE

Jasmin CMYK 9 kleinJasmin Rieper - ElektrotechnikerinIch war schon auf Baustellen bei minus 20 Grad. Für viele klingt das abschreckend, doch genau das macht diesen Beruf für mich zu so einem besonderen.
Ich arbeite nun seit 17 Jahren als Elektrotechnikerin. Im Moment bin ich Teil der Mader GmbH und kümmere mich dort um den Elektro-Einkauf und das Elektro-Angebotswesen. Bis vor drei Jahren war ich noch als Elektrotechnikerin in Vollzeit auf der Baustelle tätig. Für diesen Beruf habe ich mich bereits in meiner Mittelschul-Zeit entschieden. Da hatte ich gemerkt, dass mir das Technische fasziniert. Das war auch der Grund, warum ich mich dann mit 15 Jahren für die Lehre in der „Landesberufsschule für Handwerk und Industrie in Bruneck“ auf Basis der dualen Ausbildung entschieden habe.


Was mir besonders an meinem Job gefällt, ist, dass er sehr abwechslungsreich ist und viele Möglichkeiten bietet. Zudem ist es immer etwas Besonderes, als Frau ein Handwerk auszuüben. Sehr oft bewundern einen die Leute, weil man keinem typischen „Frauenjob“ nachgeht. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass man sehr gut verdient. Allerdings ist oft auch großer körperlichen Einsatz gefragt. Im Winter beispielsweise kommt es öfters vor, dass man bei Minusgraden den ganzen Tag auf der Baustelle arbeiten muss.


Mir macht meine Arbeit großen Spaß. Ich wurde von meinen Arbeitskollegen im Betrieb von Anfang an gut aufgenommen und immer gut behandelt. Es gibt manchmal aber auch Herausforderungen, denen man sich als Frau in diesem Beruf stellen muss. Wenn man zum Beispiel bei Sitzungen als die Vorarbeiterin vorgestellt wird, dann musste ich oft schon mit schiefen Blicken klarkommen. Zusätzlich ist man als Frau immer in der Position, sich beweisen zu müssen. Fehler werden Männern sehr viel schneller verziehen. Bei Frauen heißt es gleich: War eh klar, dass sie das nicht kann. Doch ich stehe darüber, das macht mir schon lange nichts mehr aus.
Ich würde mich jederzeit wieder für meinen Job entscheiden. Ich möchte allen jungen Frauen, die überlegen, ein Handwerk auszuüben, mit auf den Weg geben, dass sie es einfach probieren sollen. Jeder kann ein Handwerk ausüben, denn im Grunde ist es Lernsache. Man sollte den Mut haben, es auszuprobieren und keine Angst haben den Männern, wenn nötig, auch einmal Kontra zu geben.

 

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